Düssel trifft Dorf

Im Frühling, wenn alles zu wachsen und zu blühen anfängt, bekomme ich seit jeher das Bedürfnis Sonnenblumenkerne in die Erde zu stecken und mein eigenes Gemüse anzubauen. Zumindest für letzteres ist mein Balkon jedoch eindeutig zu klein. Was tut man also in einer großen Stadt wie Düsseldorf? Die beste Lösung: man pachtet ein kleines Stückchen Feld mitten in der Stadt mit Blick auf den Medienhafen. Für dieses Experiment habe ich mich jedenfalls entschieden.

Ein wenig skeptisch trete ich meinen ersten Tag zur „Feldarbeit“ an. 30 Quadratmeter groß ist meine neue Errungenschaft, das ist viel mehr als ich dachte. Trotz anfänglichem Respekt vor dem, was ich mir vorgenommen habe, freue ich mich. Meine Feldnachbarn haben mit ca. 50 Quadratmetern sogar noch ein bisschen mehr zu tun. Ohne jegliche Vorkenntnisse habe ich im Garten Center einige Samen und eine Doppelhacke gekauft. Nach drei Stunden habe ich Schmerzen in den Armen und im Rücken und merke jetzt schon, dass mich mein Muskelkater morgen kaum aufstehen lassen wird. Geschafft habe ich ca. ¼ meines Felds umzugraben und von Unkraut zu befreien. Zudem habe ich die ersehnten Sonnenblumensamen in die Erde gebracht und sogar ein paar Zuckerschoten gepflanzt. Nach getaner Arbeit bin ich sehr stolz auf mein Werk und dankbar für einen Gegenpol zu meinem üblichen Sitzjob.

 

Aber wie kommt es eigentlich so weit, dass ich inmitten von Düsseldorf auf einem Feld von der Sonne die Schultern verbrannt bekomme? In immer mehr Städten wird der andauernde Trend des „Urban Gardenings“ immer größer und populärer. Wikipedia definiert Urbanen Gartenbau als die Nutzung kleiner Flächen, die sich innerhalb von Siedlungsgebieten befinden zum Anbau von landwirtschaftlichen Erzeugnissen. 

Die Vorteile liegen auf der Hand. Transportwege werden eingespart, die Treibhausgas-Emission bei Erzeugung und Verarbeitung des Gemüses reduziert. Letzteres macht pro Kopf ganze 83,4 kg CO² aus (Studie im Auftrag des WWF). Zudem werden Verpackungen eingespart, welche in heutigen Statistiken mit einer Menge von 34.000 Tonnen Plastik für Gemüse deutschlandweit eingehen (Studie im Auftrag des NABU). Ganz wird man seinen Verbrauch dadurch jedoch nicht eindämmen, denn um eine Familie zu versorgen braucht es doch ein wenig mehr landwirtschaftliche Fläche. Aber kleine Schritte sind eben auch sehr viel wert.

Mit Urbanen Gartenbau hat das ganze hier zwar Gemeinsamkeiten, doch hundertprozentig passt die Begrifflichkeit nicht zu der Tatsache, dass ich auf einem richtigen Feld in Düsseldorf-Hamm stehe. Dieser kleine Flecken Düsseldorf grenzt direkt an den Rhein und ist zudem zentral neben dem Medienhafen und Düsseldorf-Bilk gelegen. Der Stadtteil mit seinen über 600 Jahren Geschichte hatte im Mittelalter nicht nur wegen seiner Rheinfähre eine große Bedeutung für Düsseldorf, sondern versorgte die Bewohner der Stadt schon immer mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Heute ist die Landwirtschaft hier nicht mehr ausschlaggebend für die Ernährung der über 600.000 Düsseldorfer. Bewirtschaftete Ackerfläche gibt es hier aber immer noch und einen Teil davon teile ich mir jetzt mit meinen Feldnachbarn. Man kann also eher von einer Form des „City Farming“ sprechen.

Das dies in Düsseldorf möglich ist verdanken wir den beiden Kindergartenfreunden Tobias und Christian. Sie haben ihren Hammer Wurzeln alle Ehre gemacht und mit ihrer Idee, Land in kleinen Teilstücken an Privatpersonen aber auch den Hammer Kindergarten und die Grundschule zu verpachten den Zahn der Zeit getroffen. Ob sie das nun aus der Überzeugung getan haben ihren Beitrag zu den Klimazielen zu leisten oder einfach nur gerne Familien in der Erde buddeln sehen bleibt ihr Geheimnis.

Julia, Hobby-Gärtnerin